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Seminare
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WS 24/25
Alles außer Helene Fischer: Die Metamorphosen der ›feinen Unterschiede‹
Pierre Bourdieu (1930–2002) gilt heute als der kultursoziologische Klassiker, der sich dem Zusammenhang von sozialer Ungleichheit und Geschmack gewidmet hat. Wer welche Musik, welche Speisen, welche Kleidung konsumiert, hängt nicht nur von finanziellen Mitteln ab, sondern auch von den Bedeutungen, die soziale Gruppen kulturellen Gütern zuschreiben. Doch wie Gesellschaft und Geschmack zusammenhängen, ist heute augenscheinlich komplizierter als in Bourdieus Konzeption aus der Mitte des 20. Jahrhunderts. Während es früher noch klare Differenzen zwischen oben und unten, zwischen ernster und unterhaltsamer Kultur, zwischen Oper und Schlager gab, scheinen die Grenzen immer mehr zu verschwimmen. Aber gilt heute wirklich ›anything goes‹? Das Seminar wird zum einen ein theoriegeschichtlich kontextualisiertes Verständnis sozialer Reproduktion durch die ›feinen Unterschiede‹ vermitteln, wie sie Bourdieu entwickelt hat. Zum anderen wird es die Diskussion um den Bourdieu’schen Ansatz und die Aktualisierungen nachvollziehen, die er in den letzten Jahrzehnten in Reaktion auf die Metamorphosen der ›feinen Unterschiede‹ erhalten hat.
21.10.24 · Einführung
2. DS: Reinecke, Christiane (2017): Der (damalige) Geschmack der Bourgeoisie. Eine historische Re-Lektüre von Pierre Bourdieus »Die feinen Unterschiede« (1979). In: Zeithistorische Forschungen, S. 376–383.
28.10.24 · Bourdieu im historischen Kontext
2. DS: Joas, Hans/Wolfgang Knöbl (2004): Sozialtheorie. Zwanzig einführende Vorlesungen. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 13–38.
3. DS: Joas/Knöbl: Sozialtheorie, S. 518–557 (Kapitel 15: »Zwischen Strukturalismus und Theorie der Praxis – die Kultursoziologie Pierre Bourdieus«).
11.11.24 · Die »feinen Unterschiede« I
2. DS: Bourdieu, Pierre (1998): Sozialer Raum, symbolischer Raum. In: ders.: Praktische Vernunft. Zur Theorie des Handelns. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 13–27.
3. DS: Bourdieu, Pierre (1987): Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 31–113 (Kapitel 1: »Bildungsadel: Titel und Legitimitätsnachweis«).
25.11.24 · Die »feinen Unterschiede« II
2. DS: Bourdieu: Die feinen Unterschiede, S. 405–499 (Kapitel 5: »Der Sinn für Distinktion«).
3. DS: Bourdieu: Die feinen Unterschiede, S. 727–755 (Schlusskapitel: »Klassen und Klassifizierungen«).
09.12.24 · Kulturelle Entgrenzung
2. DS: Peterson, Richard A. (1997): The rise and fall of highbrow snobbery as a status marker. In: Poetics 25 (2–3), S. 75–92.
3. DS: Berli, Oliver (2018): Varianten der Distinktion. In: Zeitschrift für Theoretische Soziologie, S. 203–227.
06.01.25 · Metamorphosen der »feinen Unterschiede«
2. DS: Jarness, Vegard/Sam Friedman (2017): »I’m not a snob, but …« Class Boundaries and the Downplaying of Difference. In: Poetics 61, S. 14–25.
3. DS: Bryson, Bethany (1996): »Anything But Heavy Metal«. Symbolic Exclusion and Musical Dislikes. In: American Sociological Review 61 (5), S. 884–899.
13.01.25 · Seitenblick: Kitsch und Antikitsch
2. DS: Karstein, Uta (2021): Geschmackserziehung im »Kitschzeitalter«. Zur Formierung der Sinne im 19. Jahrhundert. In: Christiane Schürkmann/Nina Tessa Zahner (Hrsg.): Wahrnehmung als soziale Praxis. Wiesbaden: Springer VS, S. 111–132.
3. DS: Elias, Norbert (2004): Kitschstil und Kitschzeitalter. Hrsg. von Hermann Korte. Münster: Lit.
03.02.25 · Die Geschichtlichkeit eines Werks
2. DS: Calhoun, Craig (1993): Habitus, Field and Capital. The Question of Historical Specificity. In: Craig Calhoun u. a. (Hrsg.): Bourdieu: Critical Perspectives. Chicago: University of Chicago Press, S. 61–88.
3. DS: Abschlussdiskussion.
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WS 22/23
Soziologie und historischer Wandel
In ihrer Geschichte hat die Soziologie wesentlich an den ›großen Erzählungen‹ gesellschaftlichen Wandels mitgearbeitet. Ob Rationalisierung, Säkularisierung oder Modernisierung: Prozessbegriffe wie diese prägen unser Bild davon, wie die Welt früher ausgesehen hat, welche Richtung sie nahm und nimmt, und wie sie heute aussieht. Doch wie angemessen sind sie noch? In ihrem partikularen, gar ideologischen Charakter sind sie nicht erst seit dem Postkolonialismus kritisiert worden – zu Recht.
Das Seminar wird einen Einblick in die Grundprobleme soziologischer Beschreibungen gesellschaftlichen Wandels geben. Ohne diese Beschreibungen geht es nicht, und umso wichtiger ist es, ihre Bedingungen, Risiken und Grenzen zu kennen. In Teil I werden verschiedene Aspekte des Themas in loser Reihenfolge behandelt. In Teil II werden wir dieses Wissen auf eine Reihe von Prozessbegriffen anwenden.
Teil I: Aspekte soziologischer Beschäftigung mit der Geschichte
10.10. · Einführung
Davies, William (2022): Die Irrtümer der Soziologie. In: Merkur 76, S. 70–81.
Besprechung und Verteilung von Diskussionsvorbereitungen und Referaten.
24.10. · Die Erfindung der Moderne
Knöbl, Wolfgang (2020): Die Epoche, die es nicht gab. Wie die Sozialwissenschaften die Moderne erfanden. In: Mittelweg 36, 29 (2), S. 47–79.
Knöbl, Wolfgang (2022): Die Soziologie vor der Geschichte. Suhrkamp, S. 9–13 u. 62–99.
7.11. · Kolonialität und Moderne
Chakrabarty, Dipesh (2000/2008): Provincializing Europe. Princeton University Press, S. ix–xxi u. 3–23.
Meinhof, Marius (2021): Die Kolonialität der Moderne: Koloniale Zeitlichkeit und die Internalisierung der Idee der ›Rückständigkeit‹ in China. In: Zeitschrift für Soziologie 50, S. 26–41.
Zusätzlich anhören: Marius Meinhof im Podcast »Das Neue Berlin«.
21.11. · Übersozialisierte und überhistorisierte Menschen
Wrong, Dennis H. (1961): The Oversocialized Conception of Man in Modern Sociology. In: American Sociological Review 26, S. 183–193.
Zusätzlich anschauen: Vsauce, »Did People Use To Look Older?«
Abbott, Andrew (2007): Against Narrative. In: Sociological Theory 25, S. 67–99.
5.12. · Prozesse nachvollziehen
George, Alexander L./Andrew Bennett (2005): Case Studies and Theory Development in the Social Sciences. The MIT Press, S. 205–232.
Baur, Nina/Stefanie Ernst (2011): Towards a Process-Oriented Methodology: Modern Social Science Research Methods and Norbert Elias’s Figurational Sociology. In: The Sociological Review 59, S. 117–139.
Baur, Nina (2017): Process-Oriented Micro-Macro-Analysis. Methodological Reflections on Elias and Bourdieu. In: Historical Social Research/Historische Sozialforschung 42, S. 43–74.
Teil II: Ausgewählte soziologisch-historische Prozesse
15.12. · Exkursion: Individualisierung in der Malerei
Führung in der Gemäldegalerie Alte Meister, 10:00–11:30 Uhr.
19.12. · Nachbesprechung und Diskussion zur Individualisierung
van Dülmen, Richard (2006): Die Entdeckung des Individuums 1500–1800. Fischer, S. 9–38.
16.1. · Ausgewählte Prozesse I
Knöbl, Wolfgang (2022): Die Soziologie vor der Geschichte. Suhrkamp, S. 271–297 (Teil zur Industrialisierung, Demokratisierung und Individualisierung).
Joas, Hans (2012): Glaube als Option. Zukunftsmöglichkeiten des Christentums. Herder, S. 9–42 (Teil zur Säkularisierung).
30.1. · Ausgewählte Prozesse II
Bühler-Niederberger, Doris (2021): Geschichte der Kindheit. In: Heinz-Hermann Krüger u. a. (Hrsg.): Handbuch Kindheits- und Jugendforschung. Springer.
Im Anschluss Zusammenfassung und Besprechung von Hausarbeitsthemen.
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SS 22
Soziologie des Wohnens
Wohnen will gelernt sein. So selbstverständlich einem ›die eigenen vier Wände‹ vorkommen mögen, so vielseitig sind ihre sozialen Voraussetzungen. Das Wohnen bündelt dabei die verschiedensten Phänomene: von der körperlichen Reproduktion über die Beziehungen mit Familie, Freunden und Nachbarn bis hin zum Ausdruck und der Repräsentation des Selbst durch die Einrichtung. Über den Wohnraum verfügen dabei zuletzt immer die Wohnenden selbst. Damit sperrt sich Wohnen gegen vereinfachende Beschreibungen der Gesellschaft. Das Blockseminar gibt mit vier thematischen Schwerpunkten eine Einführung in das Thema.
Im ersten Block widmen wir uns den Grundlagen eines soziologischen Verständnisses des Wohnens. Der Freitag ist einigen Schlaglichtern des Wohnens in Deutschland gewidmet, von der Urbanisierung im 19. Jahrhundert bis zum Wohnen in der Pandemie. Das ist nicht nur eine historische Frage: Wie vor 150 oder 50 Jahren gebaut wurde, wirkt bis heute nach. Kontinuität besteht aber nicht nur im gebauten Bestand. Am Samstag nähern wir uns der Frage der Subjektivierung durch Wohnen. Dafür schauen wir uns historische Vorstellungen vom ›richtigen‹ Wohnen im Vergleich zu heute an.
Mit diesen historischen und theoretischen Grundlagen widmen wir uns im zweiten Block einzelnen Aspekten des Wohnens. Am Freitag geht es um soziale Differenzierung. Wer wo und wie wohnt, daran kann man ablesen, wie sich eine Gesellschaft gliedert: Das gilt für das Geschlecht, das Alter, Stadt und Land ebenso wie für soziale Ungleichheit. Wir blicken dabei auch auf prekäre Formen des Wohnens, sei es in Notunterkünften oder auf der Straße. Am Samstag widmen wir uns dem Wohnen als Konsumkultur. Themen sind die Technisierung des Haushalts, das Beispiel IKEA und das Heimwerken.
29. April 2022 – Einführung
2. DS · Inhaltlicher Einstieg und Themenvergabe
Lihotzky, Margarete (1926): Rationalisierung im Haushalt. In: Das Neue Frankfurt.
Dazu der Lehrfilm »Die Frankfurter Küche« (1920er Jahre).
3. Juni 2022 – Schlaglichter der Sozialgeschichte des Wohnens in Deutschland
2. DS · Effekte der Urbanisierung
Häußermann, Hartmut/Walter Siebel (2000): Soziologie des Wohnens. Eine Einführung in Wandel und Ausdifferenzierung des Wohnens, S. 59–84.
3. DS · Licht, Luft und Sonne – Wohnreform in der Zwischenkriegszeit
Häußermann/Siebel: Soziologie des Wohnens, S. 103–130.
Film zur Siedlung Römerstadt (Baubeginn 1927–1929, Frankfurt am Main).
Film zur Siedlung Piesteritz (Baubeginn 1916–1919, Wittenberg).
4. DS · Wohnen in zwei Systemen – BRD und DDR im Vergleich
Häußermann/Siebel: Soziologie des Wohnens, S. 145–178.
5. DS · Wohnen in der Pandemie
Eckardt, Frank (2021): Wohnen in Zeiten der Pandemie. In: Frank Eckardt/Sabine Meier (Hrsg.): Handbuch Wohnsoziologie. Wiesbaden: Springer VS, S. 25–38.
4. Juni 2022 – Wohnen als Subjektivierung
2. DS · Wohngeschichten
Hahn, Achim (2021): Konstanz und Wandel des Wohnens. In: Handbuch Wohnsoziologie, S. 61–78.
3. DS · Ästhetische Selbstverwirklichung – Bürgerliche Wohnvorstellungen gestern und heute
Demand, Christian (2021): Homestorys (III): Zeige mir, wie du wohnst. In: Merkur 75 (866), S. 16–33.
Vortrag von Christian Demand im Archiv der Avantgarden Dresden.
4. DS · Befreites Wohnen – Avantgardistische Wohnvorstellungen gestern und heute
Demand, Christian (2019): Homestorys (I): Betreutes Wohnen. In: Merkur 73 (841), S. 59–68.
1. Juli 2022 – Wohnen als Medium sozialer Differenz
2. DS · Die feinen Unterschiede des Wohnens
Schroer, Markus (2006): Raum, Macht und soziale Ungleichheit. Pierre Bourdieus Beitrag zu einer Soziologie des Raums. In: Leviathan 34 (1), S. 105–123.
3. DS · Wohnen in der Großwohnsiedlung
Kabisch, Sigrun (2021): Wohnen in der Großwohnsiedlung. In: Handbuch Wohnsoziologie, S. 295–312.
4. DS · Notunterkünfte
Werner, Franziska (2021): (Nicht-)Wohnen von Geflüchteten. In: Handbuch Wohnsoziologie, S. 407–436.
5. DS · Leben ohne Wohnung – Obdachlosigkeit
Gillich, Stefan (2021): Wohnen ohne festen Wohnsitz. In: Handbuch Wohnsoziologie, S. 327–345.
2. Juli 2022 – Wohnen als Konsumkultur
2. DS · Die Technisierung des Wohnens
Marquardt, Nadine (2021): Technik des Wohnens. In: Handbuch Wohnsoziologie, S. 139–155.
3. DS · Wohnen als Massenkonsum – Das Beispiel IKEA
Garvey, Pauline (2017): Unpacking IKEA. Swedish Design for the Purchasing Masses. London: Routledge.
4. DS · »Respekt, wer’s selber macht« – Die Praxis des Heimwerkens
Hitzler, Ronald/Anne Honer (1988): Reparatur und Repräsentation. Zur Inszenierung des Alltags durch Do-It-Yourself. In: Soziale Welt, Sonderband 6, S. 267–283.